Reviews

 

„DIE RHEINPFALZ“ (Dienstag, 18 Oktober 2011, Von Gabor Halasz)

 

„..Höchst eindringlich und expressivgereit auch die Wiedergabe des Brahmsschen Spätwerks, dessen wehmütige Abschiedsstimmung und herbstlich verhangene Melancholie sich hier bei kammermusikalischem Feinschliff auf differenzierteste Art mitteilen. Sowohl bei Debussy als auch bei Brahms fand Steffens in Michal Friedländer eine brillante, intensiv mitgestaltende, durchweg plastisch phrasierende Mitstreiterin am Flügel, mit erlesenen Anschlagskünsten. „Meine Frau ist eine wundervolle Pianistin“, erklärte der Dirigent in einem Interview. Kein Einspruch.

 

 

 

„Rondo Magazin“

 

Das ist die Szene: ein Cello, es singt; eine Klarinette, sie singt; ein Klavier, auch es singt. Alle singen gemeinsam. Und Wehmut schwingt mit in fast jeder Melodie, es ist die Wehmut des Alters, die Wehmut der Rückschau: der Erinnerung. Keiner konnte das so gut wie Brahms, der Melancholiker, selbst Schubert nicht. Mit Brahms erklimmt die Romantik ihren wohl doch schon letzten Gipfel, er und nicht Mahler ist derjenige, der den Schwanengesang anstimmt, unter dem ewigen Motto: An die ferne Geliebte. Der feine Unterschied: Mahler besingt Welt als Wirklichkeit, Brahms besingt Welt als Möglichkeit. Insbesondere im Spätwerk, etwa ab op. 110, tut er dies in beinahe schmerzhaftem Ausmaße. Und er leiht seinen Schmerz vor allem einem Instrument: der Klarinette.

Die (biografischen) Gründe hierfür sind hinreichend bekannt. Eine persönliche Bekanntschaft, die in Freundschaft sich verwandelte. Für die Nachwelt bleibt es ein Glücksfall. Allein das A-Moll-Trio für Klarinette, Klavier und Klarinette ist himmlisch schön, weltenverrückend, weltentrückt. Karl-Heinz Steffens, Michal Friedlander und Ludwig Quandt sind die richtigen Interpreten, um dieses Werk in seinem gleichsam pastoral-schwebenden Zustand zu belassen. Eigentlich nie lassen sie den Gesang den harten Boden der Realität berühren, geschweige denn mit Füßen betreten, stetig halten sie die Balance des Bloß-nicht-zu-laut-und-nicht-zu-direkt; selbst in den knappen Aufwallungen des Finals bricht die Musik nicht aus, nicht weg. Es ist ja dieses durch und durch sublime Stück ein beinahe hingeflüstertes, oder auch: hingewehtes; jedenfalls ein von Schuberts Liedkunst angewehtes. Und so spielen die drei (anscheinend romantisch veranlagten) Künstler es auch. Ein bisschen schade, dass Ludwig Quandt bei den beiden Sonaten für Klarinette und Klavier, denen der Vorzug vor der anderen Paarung (Bratsche/Klavier) unbedingt zu machen ist, nicht mitwirken kann; sein Gesang ist zweifelsohne doch der schönste von allen. Aber auch ohne ihn bleibt der Seele Sang und Klang bestehen. Eine Aufnahme zum Dahinträumen. Ein leerer Raum, ein Sessel, ein Glas Rotwein, diese Musik: Das ist die Szene.

 

 

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Seinen wir froh, dass Brahms nach seinem Streichquintett G-Dur op. 111 nicht seinen Hut an den Nagel hängte und sich einen ruhigen Lenz machte; ein Glück, dass er dieses in seinem Freundeskreis verbreitete Vorhaben nicht in die Tat umsetzte! Worin die Gründe für sein weiteres kompositorisches Arbeiten zu sehen sind, bleibt der Nachwelt natürlich verborgen. Aber dass als Ursache oder alleinige Inspiration weiterer Werke der Klarinettist Richard Mühlfeld gesehen wird, ist doch etwas zu einseitig.

Dennoch sollte der Eindruck, den Richard Mühlfeld auf Brahms machte, nicht zu gering veranschlagt werden. Schließlich gingen aus der Begegnung des virtuosen Klarinettisten der Meininger Hofkapelle und dem Johannes Brahms noch vier beachtenswerte Werke hervor, die sicherlich zu den bedeutendsten Stücken für dieses Instrument in der Musik des 19. Jahrhunderts gehören.

 

 

Der Klarinettist dieser Aufnahme, Karl-Heinz Steffen, mag Brahms womöglich in ähnlicher Weise fasziniert haben, denn er zeigt bei den hier eingespielten Werken eine außergewöhnliche Bandbreite an Nuancierungen des Tons. Schon im 1891 vollendeten „Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier“ a-Moll op. 114 tritt der Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker gebührend hervor. Karl-Heinz Steffens scheint jede Spielanweisung nicht nur technisch zu beachten, sondern einen Blick auf das zu werfen, welche Bedeutung, welchen Sinn eine Vorschrift im Notentext haben könnte. Bei seiner detailgenauen Interpretation handelt es sich keineswegs um eine minutiöse Realisierung des Notentextes, sondern um eine durchdachte und mit Leidenschaft und Hingabe „durchfühlte“. Auch seine Partner, der Solocellist der Berliner Philharmoniker Ludwig Quandt und die Pianistin Michal Friedlander stehen Steffens hier als gleichwertige Kollegen bei, denen eine ganz intime und in allen Belangen bestens aufeinander abgestimmte Interpretation dieser komplexen Musik gelingt. Hier werden Phrasen etwas verzögert, die Dynamik extrem ausgekostet, jede Steigerung baut sich organisch auf, kantable Phrasierung und geschmeidige Artikulation gehen Hand in Hand. So ergibt sich ein äußerst differenziertes Klangbild, in dem sowohl die technischen und gestalterischen Stärken Michal Friedlanders zum Tragen kommen, sowie auch die mal versonnen, mal energisch zupackenden Anteile des Cellos. Es entsteht ein Bild von Kammermusik, das in seiner Abbildung von drei gleichberechtigten Instrumenten besticht. Einziger kleiner Wermutstropfen sind geringe klangtechnische Eingriffe: die Klarinette wirkt stellenweise etwas nach vorne geholt, das Cello manchmal künstlich in den Hintergrund gedrängt. Dennoch verdient diese sehr differenziert und transparente und gleichwohl glutvolle Interpretation höchstes Lob. Allein schon des zweiten Satzes wegen, in dem Spannungsbögen von unerhörter Intensität aufgebaut werden. Melodien werden hier richtig ausgesungen, fragile Elemente unter einem großen Bogen zusammengefasst, so dass der langsame nicht zerfasert, sondern in seiner reichen Fülle an Ausdrucksmomenten sinnlich erfahrbar wird.

 

Die beiden Klarinettensonaten op. 120 in f-Moll und Es-Dur werden von Karl-Heinz Steffen und Michal Friedlander ähnlich intensiv und durchdacht musiziert. Der Klarinettist gibt auch in diesen Werken einen Eindruck von der Vielfalt und den unterschiedlichsten Schattierungen seines Tons: mal melancholisch in sich zurückgezogen, abgedunkelt, mal in gesteigerter Emphase, frei singend und strahlend. Auch die komplexe Klavierbegleitung gelingt Friedlandern vorzüglich. Die Pianistin verfügt über eine so hohe Anschlagskultur, dass sie auch aus dem Klavier einen Ton hervorzuzaubern vermag, der von dem der Klarinette kaum unterscheidbar ist, wie zum Beispiel an einigen Stellen der f-Moll-Sonate; die beiden kammermusikalischen Partner scheinen zu einer Einheit zu verschmelzen.

Klangtechnisch zeigt sich diese Aufnahme auf hohem Niveau, die Stimmen bleiben unterscheidbar, verschwimmen nicht zu einem Klangbrei. Trotzdem zeigt sich ein hohe Verschmelzung, die eine gute Kammermusikaufnahme ausmacht. Auch in dynamische Hinsicht werden hier große Spannweiten durchmessen. Allein die technischen Eingriffe trüben den Gesamteindruck ein wenig. Zieht man noch das glänzend geschriebene Booklet hinzu, das für manchen Leser doch etwas zu Abstrakt geriet (durch musikästhetische und –wissenschaftliche Unterfütterung), liegt hier eine Einspielung vor, die von der ersten bis zur letzten Note zu überzeugen vermag.

 

 

„Mitteldeutsche Zeitung“

 

Das treffende Motto des Abends "Oft gönnt´ ich einen Blick dir ins Innere" sollte sich auch im Großen Saal des Neuen Theaters beweisen, als Wolf Gerlach (dank der Maske physiognomisch gar nicht so weit vom Original entfernt) Schumanns Geldsorgen verlas. "Schick mir doch einen Wechsel!", heißt es da flehentlich in einem Brief an die Mutter (Elke Richter). Dann erreicht der Abend plötzlich seinen Höhepunkt: Der Erste Konzertmeister Arkadi Marasch, Solo-Bratschist Matthias Gallien, Solocellist Hans-Jörg Pohl und die israelische Pianistin Michal Friedländer interpretieren das Klavierquartett Es-Dur - mal aufwühlend-virtuos, mal melancholisch-ruhig variieren sie die Dynamiken flexibel und präsentieren sich dabei jederzeit als höchst professionelles Spitzenensemble - bravo!

 

HALLE/MZ/HH - Sie sind sowohl musikalisch als auch privat ein Paar -erstmals standen am vergangenen Sonntag Generalmusikdirektor Karl-Heinz Steffens und seine Frau, Michal Friedländer, in Halle gemeinsam auf der Bühne der Universitätsaula. Die ersten Takte von Mozarts 1784 uraufgeführtem Quintett Es-Dur leitet die israelische Pianistin ein: Sie gibt den Tönen klare Konturen, lässt sie frei erklingen. Das Largo des ersten Satzes wird schwungvoll interpretiert. Tonperlen tropfen flüssig aneinander ab und fließen in warmem Klang des Holzbläsersatzes zusammen. Dieser ist stimmig besetzt mit Karl-Heinz Steffens an der Klarinette, Thomas Ernert (Oboe) und Kay Stöckl (Fagott). Das Horn (Katja Borggrefe) fügt sich geschmeidig in den Gesamtklang und komplettiert das Quintett vor allem im oberen Bereich des Klangspektrums. Der tänzerisch unbeschwerte Charakter von Mozarts musikalischer Sprache prägt auch das Quintett Es-Dur.

 

 

 

Nachdenklicher traten die Stimmen von Klavier, Klarinette und Violoncello (Hans-Jörg Pohl) im Trio a-Moll von Johannes Brahms in einen Dialog. Das Ringen zwischen dem forschen, jugendlichen Cello und dem bedächtigen Piano um eine unentschlossene Klarinette komponierte Brahms 1891. Die Stimmen von Klarinette und Piano gehen miteinander vorsichtige unisono-Symbiosen ein. Das Cello gestikuliert unabhängig im dunklen Timbre der tiefen Tonlagen. Schließlich dann kehrt die Klarinette zurück zu einem Austausch von kurzen, freudigen Motive mit dem Violoncello. Es ist ein tiefsinniges Werk von Johannes Brahms, das an diesem Tag souverän von Michal Friedländer getragen, von Hans-Jörg Pohl belebt und Karl-Heinz Steffens in eine empfindsame Stimmung versetzt